Von der Sehnsucht

Wir alle leben mit einer an unseren Sehnsüchten gestrandeten Seele


Elmar Kupke


Ich arbeite gerade an dem Vorwort für die nächsten Aktionstage Psychische Gesundheit 2021 und muss dabei immer wieder an das letzte Vorwort denken. Es ging um Sehnsucht und als würde es zum Titel passen: die Aktionstage mussten wegen der zweiten Pandemiewelle abgebrochen werden. Was bliebt war die Sehnsucht nach besseren Zeiten und das Wissen, dass jeder Tunnel auch ein Ende hat. Untenstehend nochmals in diesem Sinne der Text zur ewigen Sehnsucht.





Über die Sehnsucht

Wer je versuchte den Satz «Mich plagt die Sehnsucht» in eine andere Sprache zu übersetzen, wird festgestellt haben wie schwierig das ist. Ähnliche Wörter in anderen Sprachen gibt es viele, aber so richtig trifft man das deutsche Wort nie. Dieses treffende Wort für das ureigene Gefühl und die unbändige Kraft welche mit dem Wort Sehnsucht so gut umschrieben wird.


Dieses Gefühl wird hervorgerufen durch teilweise benennbare Erfahrungen, Wünsche und Hoffnungen, aber zu einem anderen Teil ist es auch unbestimmt und schwer in Worte zu fassen. Man kann Sehnsucht empfinden nach einem bestimmten Menschen, einem Ort oder einem Lebensabschnitt und vielem mehr. Das Gefühl kann aber auch wenig geformt sein und wird dann schwer benennbar. Wenn Stephan Eicher in einem seiner Lieder singt «I weiss nid was es isch, Aber das möcht i sii.» dann trifft er diesen Weltschmerz mitten im Herz.


Trotzdem benennbar oder nicht da, das Gefühl gründet weniger in der Aussenwelt als wir oft meinen. Vielmehr ist die Sehnsucht eine Botschaft tief aus der psychischen Innerlichkeit, welche uns die Wünsche, Hoffnungen aber auch Ängste spiegelt. Die Sehnsucht kann dabei zu einer starken, konstruktiven Kraft werden, welche uns unterstützt und zu neuen Horizonten führen kann. Sie kann aber ebenso zu einer lähmenden oder gar destruktiven Kraft werden, wenn Energie und Möglichkeiten zur Entfaltung und weiteren Entwicklung fehlen oder wenn das Signal aus der eigenen Psyche missinterpretiert wird.

Es erstaunt deshalb auch nicht das schon in der Medizin des 17. Jahrhunderts über das Phänomen Sehnsucht unter dem Namen Nostalgia oder Heimwehe geforscht wurde. Interessanterweise erstmals im Rahmen einer medizinischen Dissertation an der Universität Basel zum krankmachenden Heimweh, an welchem die Schweizer Söldner litten. Die Sehnsucht war also auch früher schon ein Gesundheitsthema.


Im diesjährigen Programm der Aktionswoche psychische Gesundheit (damals 18. - 28. Oktober 2020) wagen wir uns deshalb auch wieder einmal an diese Urkraft, welche im deutschen Spracheraum so treffend mit dem Wort Sehnsucht wiedergegeben wird. Das vorliegende Programm nähert sich dem Phänomen Sehnsucht unter verschiedenen Blickwinkeln an und fragt dabei immer nach der Bedeutung für unsere psychische Gesundheit. Denn wer seine Sehnsüchte kennt, sie ein ordnen kann und daraus Energie für neue Wege findet, erreicht damit gerade in unruhigen, belasteten Zeiten für sich und seine Umwelt das Richtige: Aus Sehnsucht entsteht Kraft für neue Wege. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel positive Erfahrungen im Rahmen der Aktionswoche und alles Gute.

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