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Public Health heute: Wo die Schweiz steht – und warum es jetzt strukturelle Antworten braucht




Warum ein starkes Gesundheitssystem ohne strukturell verankerte Public Health an Grenzen stösst.


Die Schweiz verfügt über ein leistungsfähiges Gesundheitssystem. Die medizinische Versorgung geniesst in der Bevölkerung ein hohes Vertrauen. Gleichzeitig steht das System zunehmend unter Druck: steigende Kosten und Prämien, Fachkräftemangel, demografischer Wandel, eine wachsende Krankheitslast sowie neue Herausforderungen wie psychische Belastungen, soziale Ungleichheiten und Klimarisiken.


Diese Entwicklungen lassen sich mit einem primär kurativ ausgerichteten Versorgungssystem langfristig nicht bewältigen. Genau hier kommt Public Health ins Spiel. Mit diesem Themenkomplex setze ich mich vertieft in derr neusten Ausgabe der Schweizerischen Ärztezeitung auseinander.



Public Health ist kein Zusatz, sondern Voraussetzung


Public Health wird häufig auf Präventionsprojekte oder Gesundheitskampagnen reduziert. Dieses verkürzte Verständnis greift viel zu kurz. Public Health meint die systematische Verantwortung für die Gesundheit der Bevölkerung – über alle Lebensphasen hinweg und über die medizinische Versorgung hinaus.

Gesundheit entsteht dort, wo Menschen leben, arbeiten und alt werden. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Bereits vor über 200 Jahren wurde darauf hingewiesen, dass es wirksamer ist, Krankheiten zu verhüten, als sie später zu behandeln. Und seit der Ottawa-Charta ist klar: Gesundheitsförderung braucht strukturelle Voraussetzungen in den Lebenswelten der Menschen. Trotzdem ist Public Health in der Schweiz bis heute nur fragmentiert verankert.


Strukturelle Schwächen im System


Die Schweiz verfügt zwar über zahlreiche Programme, Strategien und Initiativen. Doch es fehlt eine konsequent gesteuerte Gesamtarchitektur. Nationale Strategien sind oft unterfinanziert, Verantwortlichkeiten nicht klar geregelt, Daten und Standards uneinheitlich.


Besonders deutlich zeigt sich dies bei den nichtübertragbaren Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs oder psychischen Erkrankungen. Sie verursachen den Grossteil der Gesundheitskosten und einen erheblichen Teil der indirekten Kosten durch Produktivitätsverluste. Viele dieser Erkrankungen könnten durch evidenzbasierte Prävention vermieden oder zumindest positiv beeinflusst werden.


Das Problem liegt nicht im fehlenden Wissen, sondern in den Strukturen.


Die ärztliche Praxis zwischen Anspruch und Realität


Die ärztliche Grundversorgung spielt hier als ein Beispiel eine nicht unwesentliche Schlüsselrolle. Kurzinterventionen zu Rauchstopp, Alkoholkonsum, Bewegung, Ernährung oder psychischer Gesundheit sind wissenschaftlich gut belegt. Dennoch werden sie im Alltag zu selten systematisch umgesetzt.


Zeitmangel, fehlende Vergütung und unklare Zuständigkeiten wirken hier als strukturelle Barrieren. Prävention scheitert nicht am Willen der Ärztinnen und Ärzte, sondern daran, dass sie im System zu wenig ermöglicht wird.

Gleichzeitig zeigen positive Beispiele: Dort, wo Prävention strukturell unterstützt und verankert ist, entfaltet sie eine hohe Wirkung – etwa in der schulärztlichen Arbeit, in Programmen der Grundversorgung oder im Bereich der Patientensicherheit.


Föderalismus braucht Koordination


Auch der Föderalismus stösst im Bereich Public Health an Grenzen. Unterschiedliche kantonale Strategien, heterogene Datenstandards und 26 organisatorische Varianten erschweren eine koordinierte Steuerung.

Für viele Herausforderungen braucht es gemeinsame Ziele, klar definierte Rollen und verbindliche Steuerungsmechanismen zwischen Bund und Kantonen. Public Health ist damit nicht nur eine fachliche, sondern auch eine Governance-Frage.


Was es jetzt braucht


Eine zukunftsfähige Gesundheitsstrategie braucht mehr als Einzelprojekte. Notwendig sind insbesondere:

  • gemeinsame nationale Gesundheitsziele mit klarer Finanzierungsgrundlage

  • eine robuste strukturelle und finanzielle Verankerung der Prävention im Gesamtsystem

  • koordinierte Steuerungsmechanismen zwischen Bund und Kantonen

  • ein langfristiges, umfassendes Gesundheitsmonitoring

Nur wenn Public Health funktional in das Versorgungssystem integriert ist, kann es seine Wirkung entfalten – als Unterstützung für die medizinische Versorgung, als Beitrag zur Versorgungssicherheit und als Voraussetzung für Nachhaltigkeit.


Fazit


Public Health ist keine Zusatzaufgabe und kein Luxus in guten Zeiten. Es ist eine Grundvoraussetzung für Gesundheit, Lebensqualität und ein tragfähiges Gesundheitssystem. Die konsequente Stärkung von Public Health ist gesundheitspolitisch nicht optional, sondern zwingend notwendig.

Dazu braucht es auch die aktive Unterstützung aller.



Zum Weiterlesen: Artikel in der Schweizerischen Ärztezeitung

Steffen T. Public Health heute – Wo die Schweiz steht und wohin sie muss.Schweizerische Ärztezeitung, Ausgabe 1/2026.

👉 PDF auf Anfrage beim Verfasser



 
 
 

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